Anne Sewcz
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Anne Sewcz – Form und Farbe

In dieser Ausstellung zeigt Anne Sewcz im komplexen Gegenüber zu den in der Öffentlichkeit vertrauteren bildhauerischen Arbeiten erstmals gewissermaßen ihre zweite Seite, ihre Fähigkeit, sich vermittels Farbe formgewinnend auch in der Fläche auszudrücken. Abgesehen von bisher vereinzelten Versuchen, mit Acryl auf Leinwand zu malen, hat sie sich dabei im Arbeiten auf Papier ihr besonderes und neues Metier erschlossen und dies in den letzten Jahren nahezu im Verborgenen blühen lassen. Den Anfang bildeten hier farblich sehr sensible Gestaltungen mit handgeschöpften Papieren, es folgten Radierungen und Gouachen, und in jüngster Zeit sind es auf der Basis von Linol-Schablonen entstehende Unikat-Drucke, die sie auf das Intensivste beschäftigen und mit denen sie etwas gefunden hat, das mir am deutlichsten ihre bildhauerische Neigung zu klaren, präzise reduzierten Formen quasi in die Fläche zu übersetzen scheint. Obgleich auch eine Gruppe von (im stilistischen Sinne) abstrakten Kompositionen entstand, ist es auch hier, wie bei den Skulpturen, der Mensch, die Figur, womit das zentrale Thema der Begegnung gestaltet wird. Die stattliche Anzahl bereits entstandener Drucke belegt den offensichtlichen Genuss, mit dem Anne Sewcz hierbei am Wirken ist. Die variable Anordungsmöglichkeit weniger einfacher oder immer wieder gleicher Schnittformen (meist das Schulter-Kopf-Segment) im Nebeneinander, in der Überlappung oder auch der Umkehrung bietet ein fast uferloses Feld der Auslotung immer wieder neuer formaler Konstellationen. Zum anderen ist da ja noch die Farbe, die in selber Weise variabel eingesetzt wird und, obwohl immer nur rein aus der Tube kommend, neben der Strahlkraft des Reinen durch das übereinander oder überlappende Drucken auch noch sehr reizvolle Zwischentöne aufweist. So ist im Werk der Künstlerin nun auch eine nahezu neu zu nennende Facette auszumachen, die im Ausleben des Spielerischen ihre Verursachung hat. Die Skulptur ist dagegen natürlich eher das Feld der strengen Zucht… Wie wir aber bei Anne Sewcz sehen - im Zentrum ihrer Arbeit ist auch auf dem Papier die menschliche Figur geblieben. Da wie in der Bildhauerei wird im Eigentlichen mehr dem inneren als dem äußeren menschlichen Sein nachgespürt und ist die Figur letztlich nur Mittel, außerhalb vordergründiger Abbildhaftigkeit, was sich in der Betrachtung nicht für jeden so ohne weiteres erschließen dürfte. Die Skulpturen nun, die Steine und Bronzen Anne Sewcz` verkörperten mir in ihrer Ausstrahlung und Wirkung schon immer das Grundgefühl einer erstaunlichen Ruhe, wie es, zumindest hierzulande, keiner als Bildhauer mit dem Menschenbild besser vermag. Ihre früher im Sinne des Landschaftlichen formal übersetzten und heute klar architektonisch geprägten Arbeiten realisieren auf deutliche Weise erfühlte, gesehene oder erlebte Grundbefindlichkeiten des einzelnen menschlichen Daseins, als verlorene bis in sich aufgehobene Geschöpfe, in der Einsamkeit wie in Mehrsamkeit… Und doch sind sie sichtlich ganz von diesen Grundgefühlen abstrahierte Gebilde der Kunst, in sich solcherart ruhende Zeichen urformhaften Charakters, die mit großer Beharrlichkeit auf die Verständigen gerichtet sind… Sie haben für mich in den letzten Jahren im Ausdruck ein nahezu unübertreffbares Maß an Unerschütterlichkeit erreicht, wie er der Präzision der Linienführung, Feinheit der Kanten- und Flächenbearbeitung und Bedachtsamkeit gegenüber Spannung und Ausgewogenheit der Binnenformen und Einzelmassen eben nicht besser entsprechen könnte. Es ist dieses Gefühl des Unabänderlichen, was mir persönlich immer wieder suggeriert: Hier war und ist nichts zu verändern oder zu verbessern, und schon darüber nachzudenken, käme einer Verletzung gleich. Anne Sewcz ist als Bildhauerin nicht ständig auf der Suche, sie hat das Ihre, dem zu misstrauen, sie keinen Grund sieht, längst gefunden, sie liebt ihre Skulpturen wie Schutzbefohlene, die wohl gleichzeitig eine Art nötigen Schutzraum um sie bilden. Denn auch für sie bleibt das Leben mit der Kunst ein Wagnis, natürlich auch nicht ohne Ängste, was die Geschlossenheit der Form ihrer Skulpturen allerdings nur ganz behutsam preiszugeben gewillt ist… Generell erachte ich die Arbeit der Künstlerin als beispielhaften Beleg für einen gerade (aber nicht nur!) in Ostdeutschland auf besondere Weise erbrachten Beitrag innerhalb der jüngeren Entwicklung der deutschen Kunst. Dessen Wesen besteht, als abgekürzte These formuliert, doppelsinnig in einer „Abstraktion ohne Gegenstandsverlust“, geboren aus dem erfolgreichen Kampf gegen die Gefahr von Beliebigkeit und dem unbedingten Anspruch, beständig die mit der umgebenden Menschenwelt verbundenen sicht- oder erfühlbaren Dinge und Zustände unverzichtbar zu halten und nur daher zu einer Kunst zu kommen, die andere wahrhaft zu berühren imstande ist - ästhetisch natürlich in Form und Material aber auch ethisch, wenn man so will, in Herkunft, Ziel und Botschaft, die Verständnis nicht ausschließt… Diesen Grundprinzipien ist Anne Sewcz auch in der Fläche, mit Farbe und Papier treu geblieben.

Ulrich Rudolph

(Rede zur Ausstellungseröffnung am 03.04.09 in der Galerie Art Fuhrmann Rostock)

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Drei Figuren, 2008,
Figuren, 2008,
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Drei Köpfe II, 2006, Granit
 Christoph Tannert (1986)
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