Anne Sewcz
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Aus der Rede zu „Kontrapunkte“ 1999 im Schloß Plüschow und Schloß Szczecin

Regine Dehnel: Anne Sewcz und Sylvia Dallmann

Anne Sewcz Plastiken bleiben bei aller Abstraktion der menschlichen Figur verpflichtet. Lasten und Aufstreben, Stehen und Stürzen interessieren sie als Ausdruck rein tektonischer Verhältnisse ebenso wie als Ausdruck der menschlichen Psyche und Physis. Dabei dürfte es kein Zufall sein, daß der Mensch bei ihr oft als Frau charakterisiert wird und sie bei Menschengruppen das Paar bevorzugt. Der Künstlerin geht es nicht um große Gesten, sondern um jenes Selbstverständliche, vor dem wir uns so fürchten - daß der Mensch die Einsamkeit nur schwer erträgt, daß er sehr schutzbedürftig ist. Daran hält die Künstlerin fest, und wäre es auch nur Utopie oder Illusion.

Anne Sewcz Frauenfiguren ruhen in ihrer Klarheit und Schwere selbstverständlich und ohne Scheu, bedenkenlos und unaufdringlich. Dazu gehört Mut. Sie sind weder voyeristisch betrachtet, noch werden sie denunziert oder zerstört. Ihre Paare erschafft sie als Einheit. Trennung wäre möglich, jedoch um den Preis der Ganzheitlichkeit, die die Künstlerin als Qualität erfaßt und gestaltet. Gerade der Umstand, daß die Themen, die die Künstlerin wählt, so eingängig und gültig erscheinen, macht deren Behandlung so schwer. Auf der Suche nach Adäquanz und Authentizität führte der Weg von Ton und Porzellan über Bronze zu Sandstein und Granit. Das Material, für das die Künstlerin sich entschied, ist zunehmend fordernder geworden. Es zwang sie, sie zwang sich zu immer größerer Konzentration und Härte. Entsprechend herber wurde die plastische Sprache. Doch dies betrifft nur die erste Wahrnehmungsebene. Parallel zu der Strenge der Sprache wuchs die Intensität des Ausdrucks. So wirkt das Lastende der "Liegenden" bis ins Extreme gesteigert. Die Figuren werden eins mit der Ebene der Erde. Sie sind nicht nur erdverhaftet sondern erdverwachsen. Bis zum Unerträglichen zusammengepreßt, ganz und gar nach innen gerichtet ist die Figur der "Meditation". Ein Zerspringen, ein explosionsartiger Übergang in eine andere Qualität scheint unausweichlich. Jede Form birgt bei Anne Sewcz eine Vielzahl der Möglichkeiten in sich. So scheint auch der Weg der Künstlerin in anderer Richtung, zurück zu den Keramiken und Porzellanen, hin zu Zerbrechlichem nach solch kraftvollem, gewaltigem Agieren, nach so viel Gewinn an Klarheit und Prägnanz durchaus denkbar.

Macht und Ohnmacht, 1997, Bronze,
Macht und Ohnmacht, 1997, Bronze, 42 x 64 x 39 cm
(Foto Hans Pölkow)
 Christoph Tannert (1986)