Anne Sewcz
_______________________________________________________________________________

Aspekte des Zusammenhanges von Material und Form

Die künstlerischen Arbeiten Anne Sewcz‘ sind von der Erfahrung eines kommunizierenden Gesellschaftsgeflechts menschlicher Beziehungen geprägt und darin aufgehoben. Linien und Flächen, ebenso wie deren Negationen in Form von Hohl- und Zwischenräumen, die in unterschiedlichen Materialien oder Größenordnungen zueinander stehen, werden von der Künstlerin im Modus der Titel der Arbeiten als Konstellationen kommunikativen Charakters begriffen. Dies betrifft die Reihe der gemalten Selbstporträts, entstanden um 1988 ebenso wie die 1989 entstandenen Zeichnungen und Monotypien der Großmutter. Immer wieder finden sich im Werk der Bildhauerin  Arbeiten, die vom Betrachter auf den ersten Blick nicht unbedingt figurativ gelesen werden, deren Titel jedoch eine figurative Lesart nahelegen.

Während in den frühen neunziger Jahren die Themen der Skulpturen Anne Sewcz‘ um die vereinzelte, einsame Figur kreisen wie in „Hockende“, in „Liegende“ oder in „Bettler“, die 1993 entstanden sind, zeichnet sich ein Jahr später die Hinwendung zu einer Darstellungsweise ab, die verschiedene und divergierende Formen menschlichen Ausdrucks bildnerisch zu erfassen sucht. Es entstehen Arbeiten wie „Angst“, „Umarmung“ oder „Gespräch“. Alle Arbeiten dieser Jahre sind weitgehend in Granit ausgeführt, ein Material, daß einerseits zum weit verbreiteten, ja unprätentiösen Gestein in Mecklenburg-Vorpommern gehört, andererseits besonders schwer zu verarbeiten ist. Dem Granit kommt jedoch zugleich eine bedeutende Qualität zu, die für Anne Sewcz von besonderem Interesse ist; der Charakter seiner Zusammensetzung aus unterschiedlichen Mineralien: Quarz, Gneis und Glimmer. Dieses visuell prägnante und brisante Material beinhaltet selbst das Merkmal des Zusammenspiels und der Zusammengesetztheit auch vereinzelt erscheinender Mineralien unter Maßgabe ihres inneren Gesetzes, das immer auch deren Erscheinungsform bestimmt.

In der Betrachtung der Arbeiten von Anne Sewcz‘ in bezug auf den angesprochenen zutiefst kommunikativen Charakter ihrer inhaltlichen Thematik, scheint es angemessen, der Frage nachzugehen, inwieweit die Künstlerin diesen ebenfalls in der Wahl des Materials zugrunde legt und verdichtet. Es ist aufschlußreich, wenn eine Arbeit wie „Paar“, „Gespräch“ oder „Umarmung“ in einem Material ausgeführt vor Augen steht,   das selbst als zusammengesetztes erscheint. Die Vielschichtigkeit der Oberfläche    des Steins, aus nächster Nähe betrachtet, verweigert zunächst ein Denken auf eine außerhalb des Steins liegende Thematik , wie sie die spezifische Bearbeitung der Künstlerin nahelegt. Es fällt überaus schwer von der Lebendigkeit des Granits mit seiner von Glitzern höchst lauten Oberfläche, auf eine außerhalb dieser Qualität liegende mögliche Bedeutung einer Gegebenheit, etwa einer Figur zu schließen.   Diese Thematik rückt erst ins Blickfeld und kann erschlossen werden, wenn die Betrachtung aus einer geeigneten Entfernung in einen Überblick mündet. In einer solchen Blickweise erlischt die überwältigende Faszination der Materialität des Steins und die außer ihr liegende, thematisierte Darstellung einer Figurengruppe erhält ihre Chance in der erkennenden Aufschlüsselung des Bezeichneten. Dieser Konflikt, dem der Betrachter im Vollzug des Sehens zwischen der Mikostruktur des Materials und der Makrostruktur eines dargestellten Inhalts, in der vorliegenden Skulptur “Gespräch“ ausgesetzt ist, resultiert aus der Komplexität des zu Entschlüsselnden, des Zu-Sehen-Gegebenen. Man kann die Skulptur jedoch auch unter dem doppelten Aspekt von Kommunikation verstehen: nämlich auf der Ebene des Materials und damit im Zusammenwirken der unterschiedlichen Minerale: Gneis, Quarz und Glimmer im Naturstein Granit und unter dem inhaltlichen Gesichtspunkt einer gegenständlichen Figurengruppe.

In einem weiteren Schritt entwickelt die Künstlerin die Skulptur, ohne Titel, 1997, die aus Beton geschaffen, ein Material zeigt, dessen Charakter sich ganz und gar einer Zusammenfügung unterschiedlicher  Materialien von Menschenhand verdankt: zwei ineinandergreifende rechtwinklig abknickende Quader von ausgewogenem Gleichmaß. Hier ist der Schritt in bezug auf eine Verknüpfung von materialem Korpus und inhaltlicher  Darstellung radikal. In ihm tritt der Charakter des Materials verdichtend zur formalen Erscheinung hinzu.

Fragen nach Interaktion werden von Anne Sewcz auch in der Werkgruppe ihrer geschöpften Papiere thematisiert. 1997 entsteht eine Reihe dieser spannungsreichen Arbeiten, deren räumliche Ausdehnung in den dreidimensionalen Raum äußerst diskret zu nennen ist. Auch in ihnen läßt die Künstlerin keinen  Zweifel an ihrem vordringlichen Interesse an Raumbeziehungen, die sie gleichermaßen in geeigneten Farbwerten aufspürt und im je vorliegenden Raumzusammenhang in Beziehung setzt. In der Werkgruppe der „Geschöpften Papiere“ vollzieht Anne Sewcz den analysierenden Schritt, dem Werkmaterial die im eigene Entfaltung zukommen zu lassen, ohne seine fundamentale Wirkkraft durch ihm eher fremde Sachverhalte wie - Figur - zu unterlegen. In diesen Arbeiten kommt das jeweils gewählte Material, jede unterschiedliche Qualität des verwendeten und bearbeiteten Papiers zu der einzig ihm eigenen Wirkung. Diese jeweils eigenen Charaktere finden im Arbeitsprozess zu einer Verschmelzung zusammen, ohne den je eigenen Charakter aufzugeben. Auf diese Weise stehen in der Reihe „Geschöpfte Papiere“ Arbeiten vor Augen, in denen die Spannung des Werkes aus dem Ureigensten des Materials in Erscheinung tritt. Auf dieser Ebene ist es von Bedeutung, daß ein Material wie Packpapier im Werkprozess zu einer gänzlich anderen Qualität räumlicher Entfaltung tendiert und diese freisetzt, als neben ihm erscheinende weiche Materialien wie Zellstoff und Gaze. Anne Sewcz macht dieses Eigene des Materials sichtbar und analysiert es auf diese Weise. In der Anschauung ist dieses Formenverhalten sichtbar, nachvollziehbar und damit für die Reflexion der Betrachter bedenkbar. In dem Maße, wie der Charakter dieser künstlerischen Aussage in Anschauung überführt ist, wird das Geschaffene zu einem Werk der Kunst.

Kornelia von Berswordt-Wallrabe

(Text im Katalog „Anne Sewcz, Skulpturen und Arbeiten auf Papier“ 1998)

nach oben

img040
img035
Figuration, 1997, Collage auf handgeschöpften
Sommer, 1996, Granit
 Christoph Tannert (1986)