Anne Sewcz
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Die bildende Kunst wolle Charaktere auf der Haut sichtbar werden lassen, schreibt Friedrich Nietzsche im Kapitel „Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller“ seines Werkes „Menschliches/Allzumenschliches“. Ernst Barlach äußerte auf die Frage einer Besucherin, was Plastik denn sei, kurz angebunden: Die äußere Darstellung eines inneren Vorganges. Beide Äußerungen beschreiben ziemlich präzise die künstlerische Haltung von Anne Sewcz. Die Bildhauerei ist für sie in erster Linie ein Selbstverständigungsprozeß. Und der Außenstehende möge sich behutsam nähern. In den etwa zehn Jahren ihrer Arbeit hat die Künstlerin einen Werkkosmos geschaffen, der auf die Attitüde des Wirklichkeitsmodelleurs verzichten kann. Ihre Arbeit beschränkt sich auf Wesentliches, auf das Wesen, das wir sind. Aus dem Stein haut sie Schöpfungen, es sind qualvolle Geburten, bei denen ihr nichts erspart bleibt. Wenn man das bisher von ihr Geschaffenen überblickt, ist man vor allem durch die Konsequenz und Stetigkeit ihrer plastischen und zeichnerischen Ausdrucksweise bezwungen. Sie konzentriert sich voll auf die menschliche Figur, auf Porträt und Körperhaltung, dies transzendierenden Träger allen Gefühls und aller Mythen. Die Gebärdensprache ihrer Plastik ist verhalten und dringlich. Es ist der fortwährende Dialog des sich Öffnens und Verschließens, von Abwehr und Zuneigung. Und es hat den Anschein, daß die Bildhauerei für Anne Sewcz der einzig adäquate Ausdruck dieses Selbstgespräches ist, das für einen seh- und hörbereiten Menschen zum Dialog werden kann. In ihrer Formensprache schließt die Künstlerin unmittlelbar an die wesentlichen deutschen Bildhauer dieses Jahrhunderts an, an Ludwig Kasper, Hermann Blumenthal, Joachim Karsch, Gustav Seitz, aber auch an Werner Stötzer. Es ist die Bildung des Materials, die sich nie ans Anekdotische verliert, nie narrativ gerät, sondern uns durch ihr Schweigen anspricht. Ein schönes Beispiel für diese Haltung ist ihre Figurengruppe „Paar“, eine Sandsteinplastik, die seit kurzem gegenüber der Rostocker Marienkirche steht. In kubisch geschlossener Form behaupten sich der Sitzende und die Liegende im weiten Raum diese Platzes an der Langen Straße. Die Steinblöcke setzen der geschäftigen Langen Straße einen archaischen Ruhepunkt, der aufs Schönste mit dem jahrhundertealten Backsteinbau kontrastiert. In der Konzeption und sorgfältigen Erarbeitung diese Werkes zeigt sich das große Talent von Anne Sewcz zur monumentalen, raumspendenden Form. Es kam auch dem Entwurf für die Wandgestaltung einer Nürnberger Messehalle zugute. Die aus verschiedenen Sandsteinen in gedeckten Grün-, Rosa- und Weißtönen gefügte Fläche wird zu assoziativen Firmament.

Natur ist für Anne Sewcz zwar Vor-Bild, aber in Sinne von Bissier geht es ihr um das Rapporter, das in Beziehung setzen der Dinge. Bei ihren Arbeiten geht es im klassischen Verständnis um den Sinn der Form. Dabei sind die Figurengebärden aufmerksam zu beobachten in ihrem Miiteilungswert. Ein leichtes Ducken des Kopfes, eine Drehung oder ein Abwenden des Rückens, ein ausgestreckter Arm oder ein Aufbäumen des gesamten Körpers sind Methaphern für Schutz, Gefahr, Geborgenheit, es sind scheue, spröde Signale, die der Phantasie des Betrachters, der sich auf dies Zwisprache einläßt, genügend Raum für eigene Gedanken bieten. Die Kunst von AnneSewcz ist keine Vergewaltigung, sondern eine Befreiung der Sinne. Man bekommt Lust, ihre Bronzeköpfe zu begreifen in des Wortes Bedeutung, die schönen Rundungen zu erfassen, sich auf das Spiel von Konvex und Konkav einzulassen. Bildhauerei scheint für Anne Sewz zudem ein Akt der Selbstbefreiung zu sein. Wenn sie beispielsweise demnächst Figuren hellem Granit vornimt. Diesem harten, widerspenstigen Material, aus dem man die Form funkensprühend herausschlagen muß. Immer in der Gefahr, daß ein Schlag das Ganze zersprengen und zerstören kann. Vermutlich ist es diese Spannung aus Kraft und Behutsamkeit, aus Zerstörung und Verletzlichkeit, die die Künstlerin herausfordert. Bildhauerei als Verewigung des Augenblicks, als Anhalten der Zeit, als Moment der Bewegung in Ewigkeit. Wohl deshalb auch ist sie nach Italien gefahren, um die unvergänglichen Plastiken von Michelangelo zu studieren, bevor sie sich an ihre Figuren für die Rostocker Innenstadt machte. In seltsamen Gegensatz zu diesen geschlossenen, auf Proportion gestimmten Arbeiten stehen für mich Plastiken wie die „Circe“ oder die Liegenden aus Porzellan. Überlängte Gliedmaßen deuten für mich Bewegungslosigkeit, ja Lähmung an. Vor allem bei der „Circe“ ist es ein panischer Blick nach Medusa. Diese vermeintlichen Disharmonien machen mir jedoch das Gesamtwerk umso spannungsreicher. Wie eine künstlerische Haltung jedoch ihr Format aus Intensität und Substanz gewinnt, zeigt sich an dem jahrelangen Versuch von Anne Sewcz, die Gestalt ihrer Großmutter zu erfassen. Ein Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist der schöne Bronzekopf, reduziert auf die Architektur eines Schädels, seine große Ohren, die kräftige Nase und den ausdrucksstarken Mund. Hier beweist sich bereits früh die Konsequenz künstlerischer Ausdrucksweise, der eigene Stil. Es ist der große Ernst, der für die bisherige Arbeit von Anne Sewcz einnimmt und der neugierig macht auf Künftiges. „Empfindlichkeit: wir wollen dies niedere Vokabel aus dem Spiel lassen; Stolz ist eine erlaubte Tugend“ (Ernst Barlach).

Detlef Lücke, 1992

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Selbstporträt, 1988, Beton
Liegende (zweiteilig), 1989, Bronze
Stehende, 1985, Bronze
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 Christoph Tannert (1986)